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Die 13th Armored Division der US Army überquert die Agger bei Siegburg - (Foto : unbekannt / United States Army)

Erinnerungen an das Kriegsende in Lohmar vor 75 Jahren

Als die Amerikaner kamen

Erinnerungen von Hans Heinz Eimermacher : 

Fast drei Wochen wurde unser Ort von den Amerikaner schon unter Beschuss gehalten. Haupt-Zielgebiet war das Kirchdorf mit Bahnhof, Sägewerk bis zur Hauptstraße. Wir, hier oben im Ort, Hermann-Löns-Straße und Auf der Hardt, hatten das Glück, dass die deutsche Wehrmacht in der großen Produktionshalle der Firma Fischer ein Lazarett eingerichtet hatte. Ein großes rotes Kreuz war auf der Dachfläche aufgemalt als äußeres Zeichen. Diese Einrichtung bewirkte, dass wir uns in einer Schutzzone befanden, welches jedoch aber nicht absolute Sicherheit bedeutete.

Die ganzen Kriegswirren hatten jetzt eine Wende bekommen. Das bisher monatelange Grollen der Kämpfe vom Westwall, das sich wie ein immerwehrender Donner mit an- und abschwellenden Frequenzen anhörte, hatte aufgehört. Die Bombergeschwader, flankiert von den doppelrümpfigen Jagdbombern, dröhnten nicht mehr über unser Dorf - bei deren Erscheinen die Abfangjäger von der Wahner Heide aufstiegen und sie in Luftkämpfe verwickelten. Diese endeten meistens mit einer, mit starker Rauchfahne abtrudelnden, abgeschossenen Maschine.

Bei den Nachtüberflügen flammten dann die Scheinwerfer auf und sobald sich ein Feindbomber im Fadenkreuz zeigte, eröffneten die Geschütze von der Scheiderhöhe oder Altenrath den Beschuß. Auch waren die Angriffe der Tiefflieger, die uns besondere Angst bescherten, nicht mehr zu befürchten. War auch unser Ort von Bombenangriffen verschont geblieben, um so heftiger war die Belastung durch deren Angriffe. Die Sirenen kündigten sie an, aber es war mitunter noch nicht der letzte Sirenenheulton erloschen, da erschienen sie auch schon im Tiefflug und schossen mit ihren Bordkanonen auf alles, was sich bewegte. Mit meiner Mutter zusammen konnte ich mich einmal nur noch flach auf dem Boden im Garten hinter den Erbsensträuchern verstecken.

Ein anderes Mal wurde der Zug auf dem Bahnsteig angegriffen. Einem Teil der Reisenden gelang es, aus den Waggons, die gegen die Bordmunition keinen Schutz boten, in das nahe Bahnhofsgebäude zu flüchten. Meine Mutter und ich schafften es aber nicht, denn wir vernahmen schon die Flug- und Bordwaffen-Geräusche, und so konnten wir nur noch hinter den Räder der Lokomotive Schutz suchen. Nach der ersten Angriffswelle sind wir dann auch in das sichere Gebäude gerannt. Der Lokführer hatte alle Ventile geöffnet so, daß der Bahnhofsbereich mit dicken Rauchschwaden belegt war. Die stationierte Vierlingsflak auf dem Scharfeberg bekämpfte gleichzeitig den ganzen Angriff. Solche Ereignisse fanden häufig statt.

Jetzt war es anders. Die amerikanische Streitkräfte waren über den Rhein bis zur Sieg vorgedrungen. Hier wurden sie aber aufgehalten durch ein ansteckendes Fieber, welches im Siegburger Zellengefängnis ausgebrochen war und mit einer gelben Flagge signalisiert wurde. Dieses war auch der Grund für die lange Beschußzeit. Im Lohmarer Wald sowie in Siegburg, Troisdorf und in der Wahner Heide hatte sich das deutsche Militär zur Verteidigung festgesetzt. Zum Glück kam es aber nicht zu größeren Gefechten.

Immer wieder wurde, besonders in den Abendstunden, unser Ort beschossen. Der Krieg war jetzt bei uns. Es schlugen Granaten am Bahnhof und in den umliegenden Bereichen ein. Der Saal mit der Gaststätte Schnitzler brannte aus. Auch wurde das Lager der russischen Zwangsarbeiterinnen, welches fast bis an unser Grundstück reichte, getroffen. Hierbei kam ein Mädchen zu Tode und einige andere wurden verletzt.

Wir hatten schon lange keinen Schulunterricht mehr. Auch die Firma Fischer hatte die Arbeit eingestellt. Die noch bis zum Schluß hier tätigen Arbeiter waren zum Volkssturm einberufen worden und die von der SA bewachten Zwangsarbeiterrinnen mußten im Wald, zwischen der Pützerau und dem Ingerberg, Schützengräben und Kammern zur Munitionlagerung ausheben. An den Kreuzungen der Waldwege wurden die Bäume in halber Höhe bis zum Abbrechen angesägt und in den Wegbereich stürzen lassen. Dieses war dann eine schnell eingerichtete Panzersperre. Alles eine Vorarbeit für eine geplante Verteidigungslinie.

Es war der 11. April 1945, einen Tag zuvor hatte man die Aggerbrücken nach Altenrath und die der Autobahn gesprengt, morgens in aller Frühe hörten wir eine allgemeine Unruhe. Die deutsche Wehrmacht hatte sich fluchtartig zurückgezogen. Das ganze Fahrzeugmaterial war im Wald zurückgelassen worden. Auch die SA-Bewachung beim Arbeitslager gab es nicht mehr. Die Arbeiterinnen flohen aus dem Lager in eine ungewisse Freiheit. Bis in unseren Vorgarten hatten sie die Hacken und Schaufeln geschmissen.

Dann gegen Mittag, der Beschuß hatte schon in der Nacht aufgehört, hörten wir das Anrollen der amerikanischen Panzer. Von unserem Dachfenster aus konnten wir ein Stück der Hauptstraße einsehen. Aus den Fenster der Häuser hingen weiße Tücher als Zeichen des Ergebens. Gefechtsvorbereitet fuhr die erste Kolonne durch unseren Ort. Wir glaubten schon an eine friedliche Einnahme, aber dann eröffnete eine deutsche Einheit von der Scheiderhöhe aus einen Flakbeschuss auf die anrollenden Streitkräfte. Ein Panzer wurde im Hof der Villa Waldesruhe, im jetzigen Bereich des Kreissparkassen-Gebäudes, und drei weitere Panzer in der Höhe der jetzigen Gesamtschule getroffen.

Wir hatten wieder Kriegszustände im Dorf. Für uns hieß es nun wieder schnellstens unseren Keller aufzusuchen. Mein Vater hatte zur Sicherheit rund um das Haus, in Kellerhöhe, Baumstämme gelegt. Schon einige Wochen schliefen wir in einem Kellerraum, dessen Decke mit Balken abgestützt war. Mit den Panzern befuhren die Amerikaner zur Kontrolle fast alle Straßen. Auch Hausdurchsuchungen wurden gemacht.

Aus Angst und Vorsicht verbrannte meine Mutter schnellstens alle Sachen, die möglicherweise auf das bisherige Regime hinweisen konnten. Selbst das Halstuch und der Lederknoten der BDM-Uniform meiner Schwester wurden so beseitigt. Mein Vater begrub den Volkssturm-Karabiner im Garten und der Opa Miebach aus dem Nebenhaus legte schweren Herzens noch einen, in Ölpapier eingepackten Revolver, aus dem ersten Weltkrieg, hinzu.

Die Front kam aus mir nicht bekannten Gründen zum Stillstand. Die Bewohner der Hermann-Löns-Straße mußten ihre Häuser verlassen. Diese wurden von den Soldaten belegt. In unserem Haus wohnte damals die Mutter eines katholischen Geistlichen. Die Hausdurchsuchung fiel wahrscheinlich daher sehr human aus und von der Besetzung wurde auch Abstand genommen. Auf der damaligen großen Wiese an der jetzigen Christianstraße hatte man ein zusätzliches Zelt errichtet. Überall waren Fahrzeuge. Zu unserem Glück wurde in unserem Haus nur eine Funkstation in dem ausgeräumten Schlafzimmer errichtet, daher konnten wir die Familie meines Freundes Paul aufnehmen.

Wir Jungs hatten schnell erkannt, dass keine Gefahr für uns bestand, aber es um so mehr einiges zu organisieren gab. Fast perfekt sprachen wir die Worte : "Nix Schoklät, nix Zigarett ?" Die Soldaten machten sich einen Spaß, noch fast volle Schachteln mit Zigaretten oder Tafelschokolade von sich zu werfen, auf die wir uns wie hungrige Wölfe stürzten. Alles wurde gesammelt und nach Hause getragen, wobei ich auch gestehen muß, daß wir auch selber, meistens unter kräftigem Husten, das Rauchen probiert haben. Ganz neu für uns war Kaugummi, aber auch ein ganz weißes Brot und Dosen mit Corned Beef.

Vor unserem Hause war eine Kanone aufstellt worden. Die Mannschaft hatte sich in unserem Keller eingerichtet und dazu, zum Leidwesen meiner Mutter, die gut in Betttüchern verpackten Matratzen genommen. Den ganzen Tag mußte Kaffee in unserer Küche gekocht werden. Dabei wurde vorsorglich ein Anteil des so begehrten Mehles zur Seite geschafft.

Zweimal wurden Schüsse in Richtung Rösrath abgefeuert. Ich glaube, mehreren hätte unser Haus nicht standgehalten, denn so gewaltig waren der Abschußknall und die Erschütterungen. Nach einigen Tagen zog die Truppe weiter und hinterließ eine total zerfahrene Wiese und eine tief durchfurchte Straßen. Die beiden Kartuschen der abgeschossenen Granaten haben noch lange Zeit als Blumenständer in unserem Vorgarten zur Erinnerung gestanden.
 

Kräfte der 13th Armored Division, nach Quellenangabe aufgenommen in Lohmar - (Foto : unbekannt / United States Army)

 

Ausführliche Informationen zum Kriegsende in Lohmar und der Region mit zahlreichen weiteren Erlebnisberichten sind in folgendem, 2016 erschienenen Buch von Gerd Streichardt zu finden. Es ist im Buchhandel erhältlich :

 
Die letzten Kriegstage in der Heimat

Zeitzeugen berichten aus der Zeit von Ende des Zweiten Weltkrieges aus Siegburg, Troisdorf, Seelscheid und Lohmar, mit 110 Abbildungen

Autor :  Gerd Streichardt
Herausgeber :  Heimat- und Geschichtsverein Lohmar e.V.

320 Seiten, Format 17 x 24 cm,
Hardcover, gebunden

Preis :  22 Euro
ISBN-Nr. 978-3-939829-65-2

 

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11. April 2020


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